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Aus dem Lexikon
Die Erdbestattung Unter einer Erdbestattung (auch: Inhumation) versteht man die Beisetzung des Leichnams in ... weiter lesen
Ausstellung: Jetzt fasst er mich an
Die stille, tiefe Traurigkeit: Das Kasseler Museum für Sepulkralkultur thematisiert in der Ausstellung „... und die Sterne begannen zu leuchten“ den Tod von Kindern.
Die Frau ist völlig verhüllt. Das Tuch über dem Kopf reicht bis vor die Wangen, das Gewand bis auf den Boden. In ihren Armen trägt sie einen Kasten vor sich her. Ihre Körperhaltung verrät eine unerträgliche Spannung: Sie muss vorwärts, aber alles in ihr zieht sie nach unten. Ihre Füße wollen nicht. Ihr Kopf will nicht. Nichts will. Doch es ist zu spät.
Die Frau ist auf einer Zeichnung von A. Paul Weber von 1952 zu sehen, das Bild trägt den Titel „Der kleine Sarg“. Die Frau trägt ihr totes Kind zum Friedhof. Die Zeichnung hängt fast versteckt in einer Ausstellung, die derzeit im Museum für Sepulkralkultur in Kassel zu sehen ist: „... und die Sterne begannen zu leuchten“ heißt sie und befasst sich mit dem Sterben von Kindern.
Ein schwieriges Thema. Angstbesetzt. Schon die Auseinandersetzung mit dem Tod der Eltern oder gar dem eigenen fällt vielen schwer. Der Tod von Kindern aber zerlegt die vormals geordnete Welt in ein unzusammenhängendes Sammelsurium von Bruchstücken. Die natürliche Ordnung der Dinge löst sich auf. Jegliche Orientierung geht verloren.
Man habe, erzählt Kurator Gerold Eppler, ein eher professionelles Publikum im Kopf gehabt, Kinderärzte, Erzieherinnen. Nicht unbedingt Eltern. Er habe Verständnis dafür, wenn Eltern dieses Thema von sich fernhielten, sagt Eppler.
Aber es ist eine Ausstellung für Eltern. Gerade für Eltern.
Sie beginnt mit einer kleinen weißen Marmorskulptur eines unbekannten Künstlers aus dem 19. Jahrhundert. Ein totes Baby in einem Bastkörbchen. Eine Spindel mit einem Rest Faden und eine Schere liegen neben dem Kind: Die Nornen, die alten germanischen Schicksalsfrauen, die den Lebensfaden spinnen, können ihn auch wieder abschneiden.
Als Nächstes wird man fast erschlagen von einer Ansammlung von Kindersärgen. Normale Särge, nur kleiner, bunte Särge, schlichte Särge. Weiße Särge – Weiß ist die Farbe der Unschuld. Ausgehöhlte Birkenstammstückchen. Spitzengesäumte Totenkleidchen, die aussehen, als wären sie für Puppen bestimmt. Schalen aus Papier, mit Seide ausgeschlagen, für tote Embryos. Früher landeten Tot- und Fehlgeburten einfach im Krankenhausmüll, heute kann man sie bestatten. Mittendrin eine bärenförmige Styroporfigur. Das ist ein Rohling, um den herum der Friedhofsgärtner das Kindergrabgesteck „Teddy“ binden kann. „Der Markt hält für jede Katastrophe das passende Angebot bereit“, sagt Gerold Eppler.
Bis zum 19. Jahrhundert war der Kindstod ein Alltagsereignis. Die hygienischen Verhältnisse, die Mängel des Gesundheitswesens – die Menschen starben einfach früher. Auch kleine Menschen.
Heute stirbt in Deutschland alle einhundert Minuten ein Kind oder Jugendlicher. Die meisten Kleinkinder, die sterben, 85 Prozent, kommen während der Geburt oder durch Fehlbildungen kurz danach ums Leben. 4,2 Prozent sterben im ersten Lebensjahr, 15 Prozent durch plötzlichen Kindstod. Die Säuglingssterblichkeit ist aber radikal zurückgegangen: 1950 waren es 1 116 701 Kinder, 2006 noch 672 724.
Später sind es Unfälle, die tödlich ausgehen, zunächst im Haushalt, im ersten Jahr ist Ersticken häufig, dann Ertrinken, und mit zunehmendem Alter spielt der Tod im Straßenverkehr eine immer größere Rolle. Kinder werden aber auch von anderen Menschen totgeschlagen, ermordet, wobei diese Zahl ebenfalls rückläufig ist. 1999 waren es 299 Kinder unter sechs Jahren, 2006 noch 222. Schließlich töten Kinder sich manchmal selbst: Im Jahr 2006 haben sich zwei Kinder zwischen fünf und zehn Jahren das Leben genommen, 27 in der Altersgruppe bis 15 Jahren, und mit der Pubertät steigt das Selbstmordrisiko: 202 Fälle.
All diese Statistiken hat das Sepulkralmuseum nicht in Form von Grafiken an die Wand gehängt, sondern maßstabsgerecht mit Duplo-Steinen nachgebaut. Das Leichte, Spielerische, das in dieser Umsetzung steckt, schnürt einem die Kehle zu. Ähnlich wirkt eine Unfallszene, das Kinderrad halb unter dem Auto, das Kind am Boden, Rettungssanitäter – alles Playmobil-Figuren.
Die Ausstellung zeigt nicht nur, dass und wie Kinder sterben, sondern auch wo. Der Kasseler Fotograf Michael Wiedemann hat reale Sterbeorte fotografiert, in einem distanzierenden Blauton: eine amtlich versiegelte Wohnungstür (Tod durch Misshandlung), eine Straßenecke (Unfall), ein Klettergerüst aus Seilen (Tod durch Selbststrangulierung), ein Kinderbett (plötzlicher Kindstod). Der Tod kommt, wie er will, plötzlich oder langsam, überraschend oder vorhersehbar. Goethes „Erlkönig“ ist auf einem transparenten Vorhang zu lesen und von Kindern gerappt zu hören: „Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an.“ Das medizinische Diagnosegerät daneben zeigt eine laufende grüne Linie. Puls null.
Die Trauer und wie man sie verarbeitet, wird thematisiert, in Tondokumenten hören wir einen Arzt, eine Hebamme, einen Seelsorger, einen Bestatter von toten Kindern erzählen. Die Künstlerin Anja Sommer hat historische Fotografien von toten Kindern zu einem Video montiert, das auf ein Kopfkissen projiziert wird. Man möchte hineinweinen. Über allem liegt die stille, traurig tänzelnde Melodie des vierten Kindertotenliedes von Mahler und Rückert, die sich ständig wiederholt: „Oft denk’ ich, sie sind nur ausgegangen.“
Schließlich ein spezielles Memento mori: ein nachgebautes, ganz normales Kinderzimmer mit ganz normalen Utensilien, Spielzeug, Rucksack, Badelatschen, Trinkflasche, herumliegende Socken. Und jeder Gegenstand trägt einen Totenkopf. Ist gerade modern.
Es ist nicht leicht, sich diese Ausstellung in Kassel anzuschauen. Aber es ist wichtig und gut. Man geht dort wieder raus mit einem traurigen, aber warmen Gefühl für die Toten. Mit der Freude darüber, dass die eigenen Kinder am Leben sind, dass man selbst am Leben ist. Und mit dem Bewusstsein, dass das nicht selbstverständlich ist.
Bis 21. September im Museum für Sepulkralkultur, Weinbergstraße 25 in Kassel.
von Bert Strebe
Quelle: Hannoversche Allgemeine
http://www.haz.de/newsroom/kultur/zentral/kultur/art180,642234#
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